10 Jahre “theaterlabor Schwerte” in der JVA Schwerte.

Die Handlung spielt in einer alten, unbestimmten Zeit: Prospero, Herzog von Mailand, wurde von seinem Bruder Antonio des Amtes enthoben und auf einem kümmerlichen Boot im Meer ausgesetzt. Prospero landet auf einer Insel ohne Namen. Nur Geister wohnen dort. Dort befindet sich auch der gefangene Luftgeist Ariel. Ihn befreit Prospero und nimmt ihn in seine Dienste.

Antonio, der Verräter, und sein Verbündeter Alonso, König von Neapel, reisen von Italien aus über das Meer nach Tunis zur Hochzeit von Alonsos Tochter. Auf der Rückreise ergreift ein Sturm ihr Schiff und wirft sie an das Ufer der Insel ohne Namen. Hier setzt das Spiel ein, und führt zu der Frage: Was ist Wirklichkeit? Was ist Zauber?…

Wer den Theaterführer liest, wird einige Personen vermissen. Sie sind im Zuge des Inszenierungsprozesses über Bord gefallen. Geblieben ist aber die Rolle der Musik, in ganz besonderer Form.

Die Zuschauer erlebten mit uns den Sturm.

Prospero zu Ariel: “Heute bin ich frei und brauche deine Freiheit nicht länger: Ich nehme an, du wirst jetzt gehen und nach möglichen Opfern suchen: (…) einen fiebrigen jungen Rebellen, (…) einen gewissenhaften dicken Richter, einen fliegengewichtigen Einsiedler, die von Gärten träumen, wo die Zeit ausgesperrt ist für immer − um sie sinnlos herumzuführen an ihren hoch getragenen Nasen.”
(W.H.Auden, Die See und der Spiegel)

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Zuschauerstimmen:

erstellt am: 2014-08-31, um: 15:16:01, von: Johannes Feest

Dieses letzte Stück von William Shakespeare ist vielfach gedeutet und umgedeutet worden: zuletzt vor allem als eine Kritik des Kolonialismus (wobei Caliban, der Eingeborene, zur Hauptperson wird). In Schwerte hat man sich entschieden, das Stück völlig frei zu bearbeiten und auf die Themen Schuld, Gefangenschaft und Vergebung zu konzentrieren. Man kann sich dabei auf die letzten Wort des Stückes stützen: „So wie Ihr Euch sehnt nach der Vergebung Eurer Taten, so soll Eure Nachsicht mich nun setzen frei“. Das ist durchaus schlüssig und dem Ort angemessen.

Aus einem langen, komplizierten Text sind 12 kurze Szenen geworden, sodass das Stück insgesamt nur 60 Minuten dauert. Caliban hat man ganz weggelassen. Im Vordergrund steht Prospero, der auf eine Insel verbannte Herzog von Mailand und der von ihm versklavte und letztlich freigelassene Luftgeist Ariel. Der Rest ist Staffage und fast wortlose Choreographie mit und ohne Masken. Integriert in die stark reduzierte Handlung sind -überwiegend sakral klingende- Musikstücke, teils live gespielt oder gesungen, teils vom Tonträger eingespielt. Für das karge Bühnenbild hat man sich offenbar von einer, im Programmheft zitierten, Idee des Brecht-Schülers B.K.Tragelehn leiten lassen: „Die Bühne ist eine Insel und die Zuschauer sind das Meer darum herum“. Als nahezu einzige szenische Zutat werden Autoreifen in die Mitte des Raumes gerollt und zu einer Insel aufgeschichtet. Sie sollen wohl auch an die Barrikaden erinnern, die in neueren Straßenkämpfen eine Rolle spielen. Ein weiteres Requisit verweist auf einen Aspekt des deutschen Gefängnislebens: Ariel schreibt zwischendurch immer wieder auf seiner museumsreifen Reiseschreibmaschine.

Ich habe die Aufführung am 30.8. miterlebt und finde, dass es durchaus lohnt, deshalb nach Schwerte zu fahren. Nicht zuletzt auch wegen der Möglichkeit, hinterher mit dem einen oder anderen der schauspielernden Gefangenen und mit dem Regisseur zu sprechen. Die Gefangenen haben ca. sechs Monate an dem Stück gearbeitet, ausschließlich in ihrer Freizeit. Dabei hat das Stück sich offenbar erst in die Richtung verändert, die es jetzt in Schwerte hat.