von Wajdi Mouawad

Nawal ist gestorben. Sie hat die letzten fünf Jahre ihres Lebens in Montreal geschwiegen. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens hat sie Gerichtsprozesse gegen Kriegsverbrecher als Beobachterin verfolgt. Ihre Kinder, die Zwillinge Jeanne und Simon bekommen per Testament den Auftrag, sowohl ihren Vater als auch ihren Bruder ausfindig zu machen und ihnen jeweils einen Brief zu übergeben. Also lebt der tot geglaubte Vater noch? Es gibt einen Bruder?

Nawal ist vor Jahren aus einem Land im Nahen Osten geflüchtet. Der testamentarische Auftrag der Mutter führt die Zwillinge in die Vergangenheit und die Heimat der Mutter zurück. Ihre Erlebnisse dort als Fluchtursachen zu beschreiben, wirkt fast banal. „Die Kindheit ist ein Messer in der Kehle, man zieht es so leicht nicht hinaus.“

Wajdi Mouawads „Verbrennungen“, 2003 als zweites Stück einer Trilogie entstanden - 2006 geschah die deutsche Erstaufführung (Übersetzung: Uli Menke) - ist aktueller denn je, die Geschichte einer Geflüchteten, ein sprachlich aufwühlender Aufruf die Abfolge der Gewalt zu durchbrechen. Dem Film „Die Frau die singt“ (Regie: D.Villeneuve) diente das Stück als Vorlage. Dieser Film war 2011 für den Oscar als „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert.

Wajdi Mouawad wurde 1968 im Libanon geboren. 1983 emigrierte die Familie nach Frankreich und von dort nach Kanada. Hier erhielt Mouawad eine Schauspielausbildung und arbeitete wohl als Darsteller als auch als Regisseur, leitete und begründete einige Theatergruppen. Er ist eher rastlos und an vielen Theatern zu Hause. 2009 war er „artíste associé“ beim Festival d’Avignon.

„Die Geschichte ist zu Bruch gegangen.
Ganz vorsichtig
tröste jedes Teil.
Ganz vorsichtig
heile jede Erinnerung.
Ganz vorsichtig
wiege jedes Bild in den Schlaf“ (aus: Verbrennungen von Wajdi Mouawad)

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