Ein Stück Brasilien im “labor”. Nach Motiven und Erzählungen von João Guimarães Rosa.

Die Texte von João G. Rosa eignen sich in besonderer Weise als literarische Grundlage für ein Theaterprojekt, weil in ihnen die Gesellschaft mit den in ihr lebenden so unterschiedlichen Charakteren im Mittelpunkt steht. Das Bild des Flusses stellt der Autor sehr oft in das Zentrum seiner Texte, jenes Wasser, was so träge, aber stetig, so gewaltig zerstörerisch, aber auch lebensnotwendig und klar, aber dennoch mit unergründbaren Tiefen dahin strömt. Das Bild eines Lebensflusses liegt förmlich auf der Hand.

Aber bei João G. Rosa geht es um mehr. Er will keine abgehobene Literatur, keine lebensfremden Geschichten, die uns wenig zu sagen haben. Er will mit seinen Texten stets an die unmittelbare Erfahrungswelt eines jeden Einzelnen anknüpfen. Er spricht davon, alle Geschichten die er schrieb, habe er auch erlebt. Sicherlich ist das nicht wörtlich zu nehmen in dem Sinn, dass Rosas Vater, wie in der Erzählung „Das dritte Ufer des Flusses“, selber jahrelang in einem Kanu mitten auf dem Fluss verbracht habe - das wäre plumper Realismus. Es geht vielmehr um Erfahrungen, um Wissen über menschliche Schichten, das jeder Einzelne gesammelt hat und über die wir alle jederzeit verfügen können. Subjektiv zwar, aber dennoch in ihrem Erfahrungswert verallgemeinerungsfähig.

Nimmt man beispielsweise die Erzählung „Barra da Vaca“, so kann man feststellen, dass diese im tiefsten brasilianischen Hinterland, voller Einöde und Einsamkeit, spielende Geschichte durchaus etwas mit unserer Erfahrungswelt zu tun hat:

Ein Fremder ist in den kleinen Flecken am Fluss Urucuia gekommen. Woher er kommt, das weiß keiner. Zunächst einmal interessiert dass auch keine Menschenseele, denn er wirkt sympathisch, freundlich. Ihm wird gerne geholfen. Domenha, eine einfache, liebevoll gütige Frau des Dorfes gibt ihm zu trinken, bietet ihm eine Pritsche zum Ausruhen an. Das Dorf ist wie ein Rastort, der dem Fremden, dem neu Hinzugezogenen ein Ort zum Leben sein könnte. Da er erkrankt, bedauern die Leute ihn, sorgen sich um ihn und helfen ihm zu gesunden. Fast zutraulich gehen die Leute des Dorfes mit ihm um. Von Ablehnung und Vorurteilen, gar Fremdenhass ist herzlich wenig zu spüren.

Doch einige Männer des Dorfes hegen die Absicht, den Fremden aus dem Dorf zu entfernen. Sie verbreiten ein Gerücht, genährt aus Unkenntnis, mit böser, hinterhälterischer Absicht. Er stört, doch keiner hat den Mut offen zu handeln. Statt- dessen ersinnt sich das Dorf eine List. Der Fremde wird zu einem rauschenden Dorffest eingeladen, bei dem es reichlich zu essen und vor allen Dingen reichlich zu trinken gibt. Der Alkohol setzt dem Fremden, der sich von der Einladung geschmeichelt fühlt, schwer zu, so dass dieser in einen bleiernen Schlaf verfällt. Diese Zeit nutzen die Dorfbewohner aus, um den Fremden aus ihrem Dorf zu entfernen. Er wird an einem anderen Ufer des Flusses liegen gelassen, nicht ohne Verpflegung und Pferd. Aber für den Fremden ist bei seinem Erwachen aus dem Rauschschlaf klar, dass sein Platz nicht hier, nicht in diesem Dorf und dieser Gesellschaft ist.

So kann das Problem mit den Fremden in einer Gesellschaft scheinbar auch gelöst werden, indem man sich diesem durch hinterhältige, verdeckte List entledigt. Der Fremde ist dann plötzlich der Mensch, der hier leben will aber nicht soll. Eine Übertragung auf aktuelle gesellschaftliche Probleme ist da nicht mehr so schwierig.

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Weitere Informationen

Wikipedia: Sertão bezeichnet die halbwüstenartigen Landschaften im Binnenland Brasiliens. Im Zentrum und im Süden ist sie mit Baumsavanne bewachsen, der Nordosten ist mit Laubbäumen durchsetzte Strauchsavanne…

Wikipedia: João Guimarães Rosa (*27.Juni 1908 in Cordisburgo, Minas Gerais; † 19.November 1967 in Rio de Janeiro) war ein brasilianischer Schriftsteller. Sein berühmtester Roman Grande Sertão: Veredas wird von manchen als das brasilianische Gegenstück zu “Ulysses (James Joyce)” und “Berlin Alexanderplatz (Alfred Döblin)” angesehen…